Saiten Wochenschau

Natürlich ist Guggenmusik auch Kultur, da wollen wir gar nichts gesagt haben. Trotzdem gibt es Grenzen des Geschmacks. Diese haben uns am Montag im St.Galler Kantonsratssaal die «Bazzaschüttler» aus Eichberg aufgezeigt. Die Rheintaler Fasnächtler traten zur Feier der Übernahme des Kantonsratspräsidiums von SVP-Kämpe und Guggenmitgründer Walter Freund auf.

Auch daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen, wäre da nicht der erste Song gewesen. Gigi D’Agostinos an sich unverfänglicher Eurodance-Hit L’amour Toujours ist seit einiger Zeit von Rassist:innen annektiert. Von einer Party in einem Club junger, reicher Schnösel auf der deutschen Ferieninsel Sylt ging vor rund einem Jahr ein Video viral, auf dem die fein gekleidete Meute zur Melodie des Disco-Schlagers eine alte Neonaziparole skandierte: «Ausländer raus! Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!» Die deutschsprachige neurechte Szene hat diese Neuinterpretation seither – zum Leidwesen des Komponisten – in ihr Repertoire aufgenommen.

Natürlich kann man sich jetzt darüber streiten, ob der Song damit für alle Ewigkeit kontaminiert ist. Und ebenso darüber, ob es wirklich so schade um das Lied ist. Wenn damit heute aber ein Politiker einer Rechtspartei gefeiert wird, hat das mindestens einen faden Beigeschmack. Man kennt solche Fasnachtsscherze ja mittlerweile aus dem St.Galler Umland, immer wieder tauchen Videos mit Blackfacing und anderen Sauglattitäten auf und erhalten nationale Aufmerksamkeit. An der Fasnacht darf man schliesslich alles, göll…

Nene, Freundchen! Früher einmal richteten sich die fasnächtlichen Zoten gegen die Obrigkeit, gegen die Reichen und Mächtigen im Land, gegen Bundesbern, natürlich auch gegen Kantonsparlamente oder von mir aus auch einmal gegen eine vermeintlich «links-grüne» Stadtregierung. Gegen unten zu treten hingegen war tabu. Und wer heute tatsächlich glaubt, in der Schweiz hätten längst diese sogenannten «Ausländer» die politische Macht übernommen, ist schlicht der widerlichen Verschwörungserzählung der SVP aufgesessen.

Die «Bazzaschüttler» und möglicherweise auch Subventionsempfänger und Kantonsmachthaber Walter Freund mögen sich jetzt ins neurechte Fäustchen kichern oder in die Hosen seichen vor Lachen über ihre gelungene unterschwellige Provokation im Kantonsratssaal. Wir finden die missverstandene Narrenfreiheit einfach nur grusig.

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