Neulich in einem vollen Zug zwischen St.Gallen und Winterthur:
Feierabend. Pendler:innen starren erschöpft auf die vorbeiziehenden Felder, als suchten sie nach einer Ladestation für die innere Batterie. Einige tippen noch die letzten Mails in ihre Laptops. Dazwischen sitzen vereinzelt Jugendliche, deren schweissiger, an einen Zoo erinnernder Duft – sie wissen noch nicht, wann und weshalb man Deo benutzen sollte – den stickigen Waggon flutet. Irgendwo kaut jemand in quälender Lautstärke Nüsse, ohne Rücksicht auf geräuschempfindliche Passagier:innen. Hier und da telefoniert jemand.
So auch ein Mann, Anfang 40, die Kopfhörer im Ohr, das Handy hochmodern vor dem Gesicht. Er spricht mit sanfter, etwas zu hoher Stimme, offensichtlich zu einem – hoffentlich seinem – Kind:
«Häsch müesse brüele? … Ja tuets dir weh? Händ ihr denn gstritte, hä? Ja, häsch zrugggschlage? ... Ja, mhm. Isch es gschwulle? Ja muesch di wehre! Häts öpper gseh? De Tim? Wer isch denn da, wer? Mhm. Da passiert mängisch, weisch. Mängisch isch mä eifach hässig. Du häsch doch am Ivo au mal eis ghaue, weisch no? Hä. Isch wieder guät? Wa wötsch denn? Wötsch Friede mache?»
Im Grundsatz klang das alles sehr verständnisvoll. Der Rat, sich in gefährlichen Situationen zu verteidigen, ist sicher nicht zwingend schlecht. Wenn aber Kindern bereits geraten wird, zurückzuhauen anstatt nachzudenken oder zu kommunizieren, ist das mindestens fragwürdig, wenn nicht sogar risikoreich.
Im Erwachsenenalter werden Missverstandene öfter zu Egoist:innen, Despot:innen, Autokrat:innen oder Terrorist:innen. Beispiele dafür gibt es aktuell zuhauf. Im schlimmsten Fall führen sie unnötige Kriege auf Kosten tausender Menschenleben. Während rundherum nach Landesverteidigung und Aufrüstung, nach Zurückhauen und Sich-Wehren geschrien wird.
Wir hoffen, die Kinder in diesem Fall rüsten nicht auf. Es wäre wohl für alle Beteiligten nicht ungefährlich, würden sie sich gegenseitig mit Drohnen verfolgen oder die Schulwege mit Tankern blockieren. Lieber «Friede mache» und Nachsicht walten lassen – am besten frühzeitig und ernst gemeint. Zur Not kann man ja immer noch die Zunge rausstrecken, kostet nichts und irritiert öfter als gedacht.