Ehrlich gesagt, haben wir nur darauf gewartet, dass die Schweizerische Freisinnig-Demokratische Volkspartei (SFDVP) aus der Taufe gehoben wird. Thierry Burkhard hatte den Freisinn hart auf SVP-Linie getrimmt. Doch Susanne Vincenz-Stauffacher, seit einem Monat Co-Präsidentin der Partei, beendete diese Woche den Kuschelkurs ihres Vorgängers. Scheuklappen scheint die Nationalrätin aus Abtwil in ihrem neuen Amt jedenfalls nicht zu haben, vielmehr ging sie mit offenem Visier zu einem Frontalangriff gegen die mit Hellebarden bewaffnete SVP über.
Vincenz-Stauffacher kritisierte die Sünneli-Partei auf ihrem X-Account dafür, den von Guy Parmelin ausgehandelten Steuerdeal «mit allen möglichen Superlativen» abzufeiern, gleichzeitig aber das EU-Rahmenabkommen zu bekämpfen und mit «Hellebarden-Klamauk» die Unabhängigkeit der Schweiz zu beschwören. Ausserdem watschte sie Toni Brunner und Ueli Maurer für ihre «Sezessionsgelüste» ab, nachdem die ehemaligen SVP-Präsidenten in einem «Nebelspalter»-Podcast ihren Hirndurchfall unkontrolliert laufen liessen und davon gesprochen hatten, bei einem Ja zum Rahmenabkommen müssten sich die EU-kritischen Kantone als «Sonderbund» vom Rest der Schweiz abspalten. «Unschweizerischer geht es nicht», so die FDP-Co-Präsidentin.
SVP-Oberhaupt Marcel Dettling bezeichnete im «Blick» Vincenz-Stauffachers Vergleich zwischen dem US-Steuerdeal und dem EU-«Kolonialvertrag» als «hanebüchen» und riet ihr, ihre Brillengläser zu putzen. Worauf die FDP prompt Brillenputztücher in ihren Onlineshop aufnahm, mit denen man bei Bedarf auch Hellebarden polieren könne.
In einem Punkt hat Dettling ausnahmsweise Recht: Die FDP hat in den vergangenen Jahren tatsächlich in vielen Themen den Durchblick verloren – und durch die Anbiederung an die SVP auch ihr Profil. Das zeigt sich in ihrem Sinkflug bei Wahlen. Anfang Oktober, zur Halbzeit der nationalen Legislatur, hatte das SRG-Wahlbarometer der FDP einen Wähler:innenanteil von 13,3 Prozent ausgewiesen – es wäre ihr historisch schlechtestes Ergebnis. Das historisch beste Ergebnis würde derweil die SVP einfahren, sie erreichte 30,4 Prozent. Noch nie seit Einführung der Proporzwahlen vor über 100 Jahren hatte eine Partei die 30-Prozent-Marke geknackt. Das war ihr auch im vergangenen Jahr bei den St.Galler Kantonsratswahlen gelungen, während die FDP so viele Stimmenanteile verloren hatte wie keine andere Partei.
Der Rundumschlag von Susanne Vincenz-Stauffacher geschah deshalb wohl nicht ganz ohne Kalkül. Aber aufs medienwirksame Hellebardenpolieren folgt jetzt das mühsame Klinkenputzen, mit oder ohne Brillentüechli. Basisarbeit ist angesagt, der Freisinn muss sich sein selbstgewähltes Image als «staatstragende» Partei wieder erarbeiten. Ein guter Anfang wäre getan, wenn man sich nun auch inhaltlich vom prinzipiellen Staatsabbau in Trump-Milei-SVP’scher Manier verabschiedete.