Du musst nur wollen, behaupten sogenannte «Coaches» und selbst ernannte Gurus im Internet und auf anderen Bühnen. Wer etwas erreichen will, muss nur ganz, ganz fest daran glauben – lebe deine Träume! Und: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, yay! Aber das Leben ist nun mal komplex: In der Jugend fehlt es an Erfahrung oder Geld und damit an Möglichkeiten, im Alter nehmen (emotionale) Verantwortlichkeiten und Abhängigkeiten zu, und die mentale Flexibilität nimmt eher ab – durch gewonnene Erfahrungen und das Wissen, was einem guttut und was nicht. Etwas bloss zu wollen, reicht nicht.
Denn was würde das für Menschen bedeuten, die nicht mit Privilegien gesegnet sind – solche, die im Kindesalter in Fabriken arbeiten müssen, die in Kriegsgebieten leben, oder jene, denen mentale oder körperliche Voraussetzungen Grenzen setzen? Zu behaupten, alle können es schaffen, man muss nur ganz fest daran glauben und es wirklich wollen, ist in den meisten Fällen, gelinde gesagt, Bullshit.
Manuel Neuhold, ein Rheintaler auf Abwegen, durchquerte kürzlich die USA auf Inlineskates und werde laut einem Zitat im «St.Galler Tagblatt» der erste Mensch auf Inlineskates in der Antarktis sein. Dass Neuhold dafür keine Schlittschuhe benötigt, ist wohl eher ein schlechtes Zeichen für den Zustand des Klimas, aber das ist eine andere Geschichte. «Es ist mehr möglich, als wir glauben. Grenzen existieren oft nur im Kopf», sagt der Rheintaler zu seinem Rekord. Gut, steht etwas weiter oben im Text, dass seine Freundin mit dem Wohnmobil hinter ihm und sein Vater mit dem Velo neben ihm herfährt. Ohne die beiden müsste er wohl ein bisschen mehr glauben, und ihm wären dann wohl doch logistische Grenzen gesetzt.
Aber vielleicht hilft manchen sein hoch motivierendes Zitat. Timmy zum Beispiel, dem Wal, der noch immer (oder schon wieder) vor den Augen der traurigen Weltöffentlichkeit in der Ostsee feststeckt: «Hey, Timmy, du musst einfach ganz fest daran glauben, dann wird das wieder!»