Wer kennt es nicht: Jemand pfeift ein Lied, es dudelt beim Einkaufen aus den Lautsprechern oder plärrt aus dem Autoradio – und fünf Minuten später erwischt man sich selbst beim Summen ebendieses Lieds: ein Ohrwurm. Könnte man Menschen mit Sound anlocken wie Mücken mit Licht, unsereins wäre ein leichtes Opfer. Aktueller Ohrwurm: New Dark Ages von Bad Religion. Zugegeben, dieser Track lief nicht in der Migros, dieser Ohrwurm ist selbst verschuldet.
Apropos dunkle Zeitalter, wiederkehrende Lieder und Würmer: Während ein besonders ekliges Exemplar die USA zu einer faschistischen Autokratie umgräbt, wird auch hierzulande das ewig gleiche Lied gespielt: Eine junge Frau wird von einer (männlichen) Öffentlichkeit zerfleischt, weil sie an Massstäben gemessen wird, die hier nur für junge – und besonders für junge, migrantische – Frauen gelten. Sanija Ameti wurde der «Störung der Glaubensfreiheit» schuldig gesprochen. Und lauter Würmer, upsi, Männer applaudieren. Zwei davon hatten sie als Privatkläger angezeigt – einer erschien mit einer Zigarre vor Gericht, der andere mit seiner Frau, einem Fan von Chef-Remigrateur Martin Sellner – weil Ameti sich nicht an die «christlichen Grundwerte der Verfassung» gehalten habe. Über die Aktion, für die Ameti verurteilt wurde, kann man streiten. Die Art und Weise jedoch, wie mit der Politikerin und Aktivistin umgegangen wird, ist ein unfassbar beschissener und würdeloser Hit, der in der Schweiz leider kein One-Hit-Wonder ist, sondern Dauerbrenner.
Auch in der Ostschweiz grassiert ein Ohrwurm. Der Refrain: «Zwängereeei!». Eine Ballade über Verkehrsknotenpunkte, Autobahnanschlüsse und Tunnel. Nach kurzer Abwesenheit ist der Ohrwurm zurück: DJ Rösti hat sich des Tracks angenommen und entschieden, dass Autobahnanschluss und dritte Röhre durch den Rosenberg gebaut werden sollen – egal, was das Volk sagt. Damit wird die Ballade zwar polyphoner, aber nicht wirklich besser.
Ausserdem, so die nächste Strophe, sollen kaum finanzielle Mittel in den Schienenverkehr fliessen. Egal, was die Klimaprognosen sagen. Ob die Abstimmung in zwei Wochen daran etwas ändern wird, stellen wir heuer infrage und summen unbeirrt weiter: «Welcome to the new dark ages / I hope you're living right / these are the new dark ages / and the world might end tonight».