Reden wir über Schandflecken. Davon solls ja gerade in St.Gallen einige geben. Dabei ist «Schandfleck» eigentlich ein Unwort, es suggeriert, dass ein Ort oder ein Gebäude quasi naturgegeben verkommen ist, und verwedelt die Tatsache, dass es dafür immer auch Verantwortliche gibt. Im Grunde ist die Bezeichnung Ausdruck neoliberalen Zeitgeistes, dessen oberstes Credo Eigenverantwortung heisst.
Nur ist es halt so eine Sache, dieses auch auf Gebäude anzuwenden. Die Leonhardskirche, für die sich – seien wir ehrlich – abgesehen vom bockigen Winterthurer Architekten und von der städtischen Velowegplanung kaum jemand ernsthaft interessiert, will partout nicht von alleine einstürzen, damit dort endlich Neues an bester Lage entstehen könnte. Und ans Hotel Ekkehard beispielsweise erinnern sich ohnehin nur noch Uralthippies (Genesis, 1972), Altpunks (The Fall, 1983) oder unsereins (nur leicht jünger) zum Beispiel an einen Auftritt von Ursus und Nadeschkin irgendwann um die Jahrtausendwende. Die Namen der drei Acts als popkulturelles Symbol des allgemeinen Ekkehardabstiegs: Besser wurde es nie mehr, vergessen und verlottert, höchstens noch für Chriegerli-Spielchen polizeilicher Sondereinheiten tauglich. Ein wahrer Schandfleck eben.
Jetzt solls beim Ekkehard endlich vorwärts gehen, wie das «Tagblatt» in der heutigen Ausgabe berichtet. 18 Jahre habe die Gossauer Forol Immobilien AG am Projekt gearbeitet, nun liegt eine Baubewilligung vor. Das Gebäude soll umfassend ertüchtigt werden, geplant ist ein neues Hotel mit 100 Zimmern und öffentlichem Gastroangebot. Der legendäre Stadtsaal verschwindet, es wird ein Zwischenboden eingezogen. Genaueres werde Anfang 2026 kommuniziert.
So ist das eben heute. Grosse Säle und grosse Ideen haben in Zeiten verdichteten Bauens und Denkens kaum noch Platz – ausser es handelt sich um elefantöse Messehallen auf dem Olmagelände, auf die im Grunde auch niemand gewartet hat. Ansonsten muss überall noch ein Zwischenboden, eine Vorprojektstudie oder ein Veloweg rein. Letzteres ist natürlich grundsätzlich zu begrüssen. Auch wenn man künftig nach der Eröffnung der Beginen-Unterführung (gemäss mehrheitlich bürgerlicher Kritiker:innen ein «Luxusprojekt») immer noch nicht weiss, wie man auf dem Velo gescheit vom Marktplatz zur Kreuzbleiche gelangen soll. Aber auch das wird sich im Verlauf des Jahrhunderts ergeben, sofern die Mächtigen und Verantwortlichen dieser Welt bis dahin nicht eh den ganzen Planeten in einen einzigen grossen, orbitalen Schandfleck verwandelt haben.