Die Zeiten, als regelmässig die ganz grossen Namen ans Openair St.Gallen fanden, sind bekanntlich vorbei. Neil Young hat es einst nur ganz knapp nicht geschafft: 1997 musste er kurzfristig absagen. Und die Hoffnung, dass es der alternde Folkrabauke aus Kanada mit Baujahr 1945 dereinst doch noch auf die Sitterbühne schafft, ist noch kleiner als die Chance, dass Schepenese irgendwann nach Ägypten zurückkehrt. Hat möglicherweise alles auch eine gewisse Richtigkeit.
So fährt man halt für Young und die «Love Earth»-Tour seiner Chrome Hearts nach Stuttgart. Die Kritiken aus Montreux und Mönchengladbach klangen vielversprechend. Und man wurde nicht enttäuscht. Das lag auch am Wetter: Beim Eröffnungssong Ambulance Blues rissen die Regenwolken auf, für den Rest des Konzerts blieb es trocken, den Sonnenuntergang und die Regenbogenwolke hinter der Bühne hätte sich kein Bachelorkandidat schöner ausdenken können. Aber auch auf der Bühne passte es: Der alte Knabe hats immer noch drauf, seine Songs sind kraftvoll wie eh und je und versprühen ihre eigentümliche Atmosphäre, diese Mischung aus grantliger Rebellion und romantischer Weltumarmung.
Aufmüpfigkeit auch im ebenfalls ziemlich angegrauten Publikum: Da die ohnehin schon sehr grosszügige Bestuhlung kurzfristig sogar noch auf unseren Stehplatzsektor ausgeweitet wurde («Upgrade» nannten sie es beim Einlass), wagten es einige Konzertbesucher:innen wider aller Unterbindungsversuche des Securitypersonals, auf den breiten Gassen zwischen den grossen Stuhlkarrees zu tanzen. Es wurden immer mehr. Zum Schluss brachen alle Dämme und für die letzten fünf Songs füllte sich der unbestuhlte und bis dahin abgesperrte Bereich vor der Bühne. Popkultur als Gemeinschaftlichkeit und Protest gegen den globalpolitischen (und konzerttechnischen) Irrsinn. Wobei, übertreiben müssen wir hier nicht: Die Alt-68er-Aufmüpfigkeit flackerte in der Menge nur da und dort auf, wenn zum Beispiel einer vom passiven Widerstand gegen die Sicherheitsanweisungen in die Verbaloffensive überging und sich lustvoll, aber auch nachhaltig verstimmt in der Diskussion verlor.
Über den Sinn des Energieaufwands zum Preis der guten Laune für den Rest des Konzerts und die Richtigkeit des Adressaten für seine Schimpferei kann man geteilter Meinung sein. Der Punkt ist ein anderer: Diese Lust an der aufrichtigen Debatte, an der direkten Konfrontation Auge in Auge mit dem (vermeintlichen) Gegner und am lauten Protest hat in Zeiten von wenig couragierter CAPS-LOCK-Internetwut und Bubblegenügsamkeit schon fast etwas Nostalgisches.
Man hats auch am insgesamt eher lauen Protestchen gegen die verbohrte Verkehrspolitik vor dem St.Galler Kantonsparlament während der Sommersession gesehen: Die einzigen, die da hörbar protestierten, waren die Klimasenior:innen.
Make Neil Young Again!