Einseitige Abhängigkeit: Der Ausdruck hat gerade Konjunktur. Zum Beispiel die einseitige Abhängigkeit der Schweiz von den USA in gewissen Fragen der Wirtschafts-, Zoll- und Kampfflugzeugpolitik, aber auch in Bezug auf pop-kulturelle und gesellschaftspolitische Entwicklungen – wenn nicht Abhängigkeit, dann zumindest ein bisschen Fixiertheit.
Oder zum Beispiel die zunehmende Abhängigkeit vom Bodensee als Trinkwasserlieferant, weil aufgrund belasteten Grundwassers immer mehr Gemeinden Seewasser entnehmen.
Steuertechnisch ist etwa eine Stadt wie Rapperswil-Jona von einigen wenigen Reichen bis Superreichen abhängig: Tennis-Federer, Stände-Würth, Bier-Lemann, Beton-Schmidheiny oder die WC-Geberts zählen zu den prominentesten Vertreter:innen jener Gattung, der zuliebe auch andernorts Steuern gesenkt werden. Aber die breite Masse hat davon wenig. Denn dort, wo der Schuh wirklich drückt – bei den Krankenkassenprämien und Mieten beispielsweise –, wird gar nichts gesenkt.
Etwas weiter gefasst könnte «einseitige Abhängigkeit» aber auch heissen: nicht nach mehreren Dingen süchtig sein; ein Hang neigt sich einzig in eine Richtung; Obsternte nur vom südlichen Teil der Baumkrone; Fernsehschauen auf dem Sofa ausschliesslich links-liegend; Leben auf nur einem einzigen, langsam etwas lädierten Planeten.
Unser Leben unterliegt unzähligen einseitigen Abhängigkeiten. Meist ist das ganz und gar nicht günstig. Schon die kleinsten Erstgixler:innen ahnen, was «Klumpenrisiko» bedeutet, wenn sie ihre riesigen Hinkelstein-Theks vom Elterntaxi über den Pausenplatz schleppen.
Man weiss im Allgemeinen um die Gefahren, die einseitige Abhängigkeiten mit sich bringen. Schon das Wörtlein «Klumpen» schreit ja förmlich danach, entklumpt, zerbröselt, mit dem Häckeli zerteilt zu werden. Monokulturen sind nie gut, gerade die Stickereistadt St.Gallen hat das einst schmerzlich erfahren.
Warum fällt es uns dann trotzdem immer so schwer, solche Abhängigkeiten zu vermeiden? Warum ordnet sich das Gros der Menschheit so leicht den Interessen einiger weniger unter? Ist es die Sehnsucht nach Eindeutigkeit in einer pluralisiert-globalisierten, komplexen Welt? Abgelenktheit? Bequemlichkeit?
Über solche Fragen bei der Siesta zu brüten, wäre sicher angebracht. Sicher angebracht ist die dafür empfohlene Hängematte aber nur, wenn sie an beiden Enden montiert wird. Mindestens zweiseitig sollten Abhängigkeiten im Allgemeinen schon sein.