Es ist ein bekanntes Bild, das zahlreiche Keksdosen, Plakate oder Ölgemälde zierte: Frau in Schürze serviert den Kindern und ihrem Mann an einem grossen Tisch ein Essen. Die Szenerie brannte sich vermutlich in die Köpfe vieler Enkel:innen, denen beim sonntäglichen Besuch in der Küche der Grosseltern der Panettone durch die kindlichen Zahnlücken staubte. Mittlerweile sind die Grosseltern nicht mehr, doch das Geschehen auf dem Gemälde hat die Zeit überdauert und wirkt heute polierter und moderner denn je.
Zumindest, wenn man dem «Tagblatt»-Kolumnisten Toni Brunner glaubt. Der ehemalige SVP-Präsident äusserte sich kürzlich zur kommenden Abstimmung über die Individualbesteuerung – eine aus seiner Sicht «verfehlte» Initiative, die von «freisinnigen Feministinnen und Linken» unterstützt werde und zu «Krach in guten Ehen» führe. Denn künftig müsse ein Ehepaar darüber diskutieren, wem was gehöre, und auch noch zwei Steuererklärungen ausfüllen. «Prost Nägeli», habe er sich gedacht.
Neben Toni Brunner und der Sünnelipartei stellt sich natürlich auch der Bauernverband gegen die Idee, dass Eheleute ihr Einkommen künftig separat versteuern sollen, ebenso wie die Mitte und der Gewerbeverband. Letzterer behauptet, es sei volkswirtschaftlich problematisch, wenn verheiratete Frauen im Unternehmen ihres Ehemannes einen Lohn bezögen. Zudem führe es zu einer erheblichen Bürokratisierung, müssten Eheleute künftig zwei Steuererklärungen ausfüllen. Eine These, der selbst die sonst so bürokratiefeindliche FDP widerspricht.
Bei so viel antiquiertem Rollenbild bleibt uns der Panettone im Hals stecken. All diese fadenscheinigen Argumente sind nicht nur rückständig und diskriminierend, sondern auch noch falsch. Naheliegend ist daher die Vermutung, dass die «neuen Ungerechtigkeiten» und der aus Toni Brunners Sicht «fehlende Sinn» der Initiative wohl vielmehr der Sorge entspringen, das Rollenbild des Alleinverdieners – und damit ein konservatives Familienmodell – könnte weiter aus den Fugen geraten. Die Tatsache, dass mächtige Parteien und Verbände im Land einmal mehr unverhohlen sexistische Positionen zugunsten der Reichen einnehmen, zeigt exemplarisch, wie es in der Schweiz um Gleichstellung und um Gerechtigkeit steht. Prost Nägeli und guet Nacht am Sechsi.