Saiten Wochenschau

Rentierscheisse ist auch nicht mehr, was sie einmal war. Das erfährt zum Beispiel, wer durch die neue Archäologie-Ausstellung zum Thema Wärme spaziert, die heute Abend im St.Galler Kulturmuseum eröffnet wird. Der Paarhuferdung wurde in der kargen Eiszeit zum Heizen verwendet. Aber solchen mit einer gewissen prähistorischen Authentizität aufzutreiben, war für die Museumsarchäologin auch nach Abklappern mehrerer Rentierhöfe gar nicht so leicht, wie im «Tagblatt» zu lesen war. Weil Rentiermist heute anders aussehe als damals.

Dass nichts mehr ist wie früher, wissen konservativere Politgemüter – im St.Galler Kantonsrat etwa – natürlich längst. Nun sind es aber genau diese, die aktuell keinen Stein auf dem andern lassen und den Staat explizit auf das gesetzlich angeordnete Minimum zurückzubauen versuchen. In dieser Radikalität ein Novum. Die Ratsmehrheit hat in einem beispiellosen bürgerlichen Schulterschluss das vom Regierungsrat vorgeschlagene Millionensparpaket über 200 Millionen Franken nicht nur durchgewunken, sondern gleich noch weitere 60-Millionen-Sparbefehle oben draufgepackt, dass es sogar dem Finanzdirektor langsam gschmuch wurde.

Abmilderungsversuche von Links-Grün scheiterten samt und sonders.
Von einer echten Debatte, bei der sachliche Argumente fair gegeneinander abgewogen werden, konnte in dieser klientelpolitisch getriebenen Session kaum noch die Rede sein. Das kurzsichtige, ultralibertäre Grundsatzmauern von Rechts grenzt an parlamentarische Arbeitsverweigerung. Aber was will man politischen Gegner:innen Ideologie vorwerfen? Das hat noch keine Debatte weitergebracht.

Die Chose ist erstmal angerichtet. Höchste Zeit also für ein paar News-arme Festtage. Die Champagnerlaune, die vor allem im bürgerlichen Lager den politischen Übermut befeuert, kann derzeit höchstens noch Bundesrätin Baume-Schneider mit ihren geplanten Alkoholempfehlungen trüben. Der Bund will sich dabei an Studien orientieren, auf die sich auch die Weltgesundheitsorganisation beruft und gemäss derer schon kleinste Mengen Alkohol schädlich sein können. Der St.Galler Ständerat Beni Würth kennt aber Gegenstudien, die der Abstinenzbewegung offanber weniger nahestehen. Er hat daher eine breit abgestützte Motion eingereicht und beim Gesundheitsdepartement einen «Marschhalt» gefordert. Dass sich schon bei unverbindlichen Bundesempfehlungen Nervosität breit macht, spricht für den überempflindlichen Zeitgeist: ICH darf alles, solange ICH SELBER dafür bezahle, der Staat soll MIR hier bitte nicht dreinempfehlen. Oder wie der St.Galler Weinhändler Philipp Schwander in dieser trinkkulturpolitischen Posse sagt: «Auch zu viel Gurkenwasser kann krank machen.» So ein Rentiermist.

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